Das erste Kapitel aus "Bilder erzählen Weltgeschichte", erschienen bei dtv

Emanuel Leutze

Washington überquert den Delaware

 

Washington Crossing the Delaware

 

 Öl auf Leinwand 1851

378.5 cm × 647.7 cm

Metropolitan Museum of Art,

New York

 

 

 

 

Das Jahr 1776 ging zu Ende. Es hatte die Unabhängigkeitserklärung gesehen. Doch hätte George Washington an diesem zweiten Weihnachtstag nicht den Angriff gewagt, vermutlich wäre der Kampf der Amerikaner um die Loslösung vom britischen Mutterland wenige Wochen später verloren gewesen und auch einen ersten US-Präsidenten namens George Washington hätte es wohl nie gegeben.

 

So aber stiegen er und seine Männer in der Nacht in die Boote und setzten über den von Eisschollen bedeckten Fluss. Am anderen Ufer wollten sie einige Meilen weiter südlich im Morgengrauen den Feind überraschen. Das hieß, sie mussten nach der Landung noch einige Stunden durch die nächtliche Kälte marschieren. Die meisten Männer waren in dem atemverschlagenden Frost nur kümmerlich gekleidet, der Stoff ihrer Kleider steif gefroren. Ihre Aussichten auf das bevorstehende Gefecht waren nicht ermutigend. Die Männer, die sie angreifen wollten, waren die am besten ausgebildeten Soldaten jener Tage. Sie galten als nahezu unbesiegbar.

 

Washingtons Schritt war mutig, aber wohl auch unausweichlich. Der Krieg gegen die britische Kolonialmacht dauerte bereits anderthalb Jahre. Als Oberbefehlshaber der 13 ehemaligen Kolonien, die sich seit der Erklärung ihrer Unabhängigkeit im Sommer die Vereinigten Staaten von Amerika nannten, war George Washington seit Monaten dem offenen Kampf ausgewichen. Nach der erfolgreichen Vertreibung der Briten aus Boston im März, war ein Misserfolg auf den anderen gefolgt. Im Spätsommer ging die Schlacht von Long Island verloren, Washington musste New York und New Jersey aufgeben und sich mit seinem bunt zusammen gewürfelten Haufen aus schlecht ausgerüsteten Freiwilligen über den Grenzfluss Delaware nach Pennsylvania zurück ziehen. In der Hauptstadt Philadelphia flohen die Abgeordneten des Kongresses. Die britischen Generäle Charles Cornwallis und William Howe sahen nicht die Dringlichkeit nachzusetzen, sondern schickten ihre Truppen in die Winterquartiere, wie es in jenen Tagen zu dieser Jahreszeit üblich war.

 

So wagte hier am Ufer des Delaware, im Frost kurz vor Weihnachten,  kaum noch jemand, Washington und der Sache der Unabhängigkeit eine Chance zu geben. Die Männer waren entmutigt und entkräftet, froren und litten Hunger. Sollte der Delaware in den nächsten Wochen zufrieren, drohte sogar der vernichtende Angriff der Briten. Nicht wenige Männer desertierten und viele weitere würden zu Beginn des neuen Jahres nach Hause gehen, da ihre Dienstpflicht dann abgelaufen war. Obendrein hatten Washingtons Generäle wenig Vertrauen in die Fähigkeiten ihres Befehlshabers. Einige zeigten sogar offen ihre Abneigung.

 

In dieser Situation entschloss sich Washington zu dem Schritt, mit dem weder Freund noch Feind rechneten: den Angriff. Am ersten Weihnachtstag wollte er im Schutze der Nacht Trenton am rechten Ufer des Delaware in New Jersey einnehmen. In dem Dorf mit zwei Straßen und einigen Dutzend Häusern lagen drei bestens ausgerüstete hessische Regimenter. Die vom Landgrafen von Hessen-Kassel gegen Geld an den britischen König verliehenen gut ausgebildeten Soldaten waren bei den Amerikanern wegen ihrer effektiven und rücksichtslosen Kriegsführung gefürchtet.

 

Die 1300 Hessen in Trenton befehligte Oberst Johann Rall, ein erfahrener Veteran des Siebenjährigen Krieges, der sich auch bei den Kämpfen in Amerika immer wieder ausgezeichnet hatte. Doch die Erfolge über einen Gegner, der fast besiegt schien, hatten auch ihn unvorsichtig gemacht. So unterließ er es, Palisaden zu bauen und feierte stattdessen mit seinen Männern ausgiebig Weihnachten.

 

Washington tat derweil sein Bestes, um den Feind in Sicherheit zu wiegen und ließ falsche Zahlen über die Stärke seiner Truppen streuen. Als Rall von einem königstreuen Amerikaner eine Notiz erhielt, in der vor einem Angriff der Amerikaner gewarnt wurde, steckte er den Zettel mit der Warnung weg und wandte sich wieder dem Kartenspiel zu.

 

Tatsächlich aber ließ Washington neue Männer rekrutieren und ausrüsten und setzte in der Nacht zum 26. Dezember mit über 2400 Männern mehrere Meilen nördlich von Trenton über den Delaware. Zehn Stunden dauerte die Aktion. Nach einem vierstündigen Fußmarsch durch die Winterkälte erreichten die Kämpfer, die teilweise nur Lumpen um die Füße gebunden hatten, um 8 Uhr in der Frühe den Ortsrand.

 

Die hessischen Soldaten wurden überrascht. Schon nach kurzer Zeit kämpften Washingtons Männer in den Straßen Trentons, wo nun auch die Bürger im anbrechenden Tageslicht aus den Fenstern ihrer Häuser auf die zurückweichenden Hessen schossen. Es wurde ein umfassender Sieg. 22 Hessen waren tot, mehrere Dutzend verwundet. Washingtons Männer beklagten nur zwei Tote. Sie waren auf dem Weg nach Trenton erfroren.

 

Und der unvorsichtige Rall? Ein Musketenschuss traf ihn während er den Rückzug seiner Männer befehligte. Er starb am späten Abend in seinem Hauptquartier, wo ihm Washington kurz zuvor mit seinem Besuch eine letzte Ehre erwiesen hatte. Die ignorierte Warnung fand man später in Ralls Uniformrock.

 

Nach dem Sieg, der für viele der Wendepunkt des Unabhängigkeitskrieges ist, zogen sich die Amerikaner wieder über den Delaware zurück. Mit dabei die dringend benötigten erbeuteten Waffen und hunderte gefangene, vormals für unbesiegbar gehaltene hessische Soldaten, die man in Philadelphia der Bevölkerung präsentierte.

 

Das berühmte und monumentale Gemälde Washington überquert den Delaware gehört zu den amerikanischsten aller Bilder und ist ironischerweise ein durch und durch deutsches. Dies nicht nur, weil Washington dem Kampf mit den Truppen aus Hessen entgegenstrebte. Der Maler Emanuel Leutze war 1816 in Württemberg geboren und in den USA aufgewachsen. Das Bild aber malte er in Deutschland. Man könnte es auch „Washington überquert den Rhein“ nennen. Das Ufer des Stroms, das Leutze von seinem Malereistudium an der Düsseldorfer Kunstakademie kannte, diente als Anregung für die Landschaft. Mancher rheinische Lokalpatriot will das Ufer von Meerbusch auf dem Gemälde erkennen. Überhaupt erlaubte sich Leutze manche Abweichung von den tatsächlichen Begebenheiten. In Wahrheit war Nacht und es regnete. Washington benutzte weit größere Boote und die Stars and Stripes-Fahne, die der damalige Leutnant und spätere 5. Präsident der USA James Monroe hält, wurde erst kurze Zeit später eingeführt.

 

Leutze starb, passend zum Thema, in Washington, der neu gegründeten Hauptstadt der USA. 

 

 

 

 

 

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